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Ägypten | 11.03.2010

Höchste Autorität der Sunniten gestorben

 

Scheich Mohammed Said Tantawi, das Oberhaupt des einflussreichsten Islam-Instituts der Welt, ist tot. Er galt als eine der liberalsten Autoritäten des Islam.

 

Scheich Mohammed Said Tantawi, das Oberhaupt des einflussreichsten Islam-Instituts der Welt starb am Mittwoch (10.03.2010) in Saudi-Arabien. Ägyptische Staatsmedien berichteten, der 82-jährige Imam des Kairoer Al-Azhar-Instituts habe nach seiner Teilnahme an einer Preisverleihung in Riad am Dienstagabend eine Herzattacke erlitten. Er starb kurz darauf in einem Militärkrankenhaus. Tantawi hatte sich in den vergangenen zehn Jahren durch seine von vielen Muslimen als zu liberal empfundenen Ansichten Feinde gemacht. Unter Religionswissenschaftlern genoss er wegen seiner umfassenden Kenntnisse einen guten Ruf, obwohl viele Kollegen mit ihm nicht einer Meinung waren.

 

Gemäßigter Religionsvertreter

 

Die al-Azhar-Moschee in Kairo, Foto: apBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Die al-Azhar-Moschee in KairoDer Geistliche aus der oberägyptischen Provinz Sohag war 1966 an der Al-Azhar-Universität mit einer Arbeit über "Das Volk Israels im Koran und in der Sunna" promoviert worden. 1986 wurde er zum Großmufti von Ägypten ernannt, zehn Jahre später zum Großscheich der Al-Azhar-Universität gewählt. Damit war er zugleich Großimam der Al-Azhar-Moschee. Mit den beiden Ämtern bekleidete Tantawi die angesehenste Position im sunnitischen Islam, einer Richtung, der rund 90 Prozent aller Muslime anhängen. Wegen seiner Nähe zu Präsident Husni Mubarak galt Tantawi auch als "Mann der Regierung": Seit den 1950er Jahren werden die Großscheichs in Ägypten nicht mehr von Schriftgelehrten demokratisch gewählt, sondern von Ägyptens Staatspräsident ernannt.

 

In seiner theologischen Ausrichtung galt Tantwai als gemäßigt. So bezeichnete er den Gesichtsschleier für Frauen als nicht verpflichtend. Er sprach sich gegen die Beschneidung von Frauen aus und verturteilte Selbstmordanschläge und Attentate wie das vom 11. September 2001 als Widerspruch zum islamischen Glauben. 2003 brachte der Geistliche viele Ägypter gegen sich auf, als er erklärte, die französische Regierung habe das Recht, das Tragen von Kopftüchern in staatlichen Schulen zu verbieten. Im vergangenen Jahr löste er eine neue Kontroverse aus, als er eine Schülerin zwang, im Klassenraum ihren Gesichtsschleier abzunehmen.


Verschleierte Frauen in Ägypten, Foto: apBildunterschrift: 2009 löste Tantawi große Kontroversen in Ägypten aus, weil sich gegen den Gesichtsschleier von muslimischen Frauen im Unterricht aussprach.

Internationales Ansehen

 

Tantwawi war auch international ein gefragter Dialogpartner: Im November 2008 kam er mit Israels Staatspräsident Schimon Peres in New York zusammen, 2000 traf er Papst Johannes Paul II., sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. würdigte Tantawi in einer Beileidsbekundung als "Partner im Dialog zwischen Muslimen und Katholiken". Auch das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Christen in Ägypten, Patriarch Shenouda III., bezeichnete Tantawi als "einen edlen Menschen". "Wir verlieren einen Freund", sagte der Präsident des Päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran.

 

Tantawi wird auf Wunsch seiner Familie nicht in der Heimat, sondern auf einem berühmten Friedhof in der saudischen Pilgerstadt Medina beerdigt. Ein Nachfolger steht noch nicht fest, gehandelt wird jedoch der Name von Scheich Khalid al-Gindi, Azhar-Professor, Betreiber eines Fernsehsenders und Fürsprecher eines "Festhaltens am wahren Glauben".

Autorin: Ina Rottscheidt

Redaktion: Thomas Kohlmann

 
 

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